Vom Urlaub zur Freiheit - wie ich meinen Weg zu Slow Travel fand
Meine ersten Reisen verbrachte ich schlafend – auf der umgeklappten Liegefläche unseres Bullis, während meine Mutter vorlas oder eine Kassette mit Kindergeschichten lief und Kilometer für Kilometer an mir vorbeizogen. Ich hatte keine Ahnung, wohin es ging, keine Mitsprache, keinen Plan. Es sollte über dreißig Jahre dauern, bis ich anfing, meine Reisen selbst zu bestimmen – und dabei zu Slow Travel fand.
Heute bin ich dankbar dafür, denn ich hatte großes Glück: Meine Eltern liebten es, neue Länder zu entdecken, statt jedes Jahr in dieselbe Region oder an denselben Ort zurückzukehren. Mit gerade einmal einem Jahr fand meine erste Reise statt – nach Ungarn, zu Freunden. Von da an waren meine Sommer geprägt vom Duft der Pinienwälder und dem Zirpen der Zikaden. Manchmal übernachteten wir schon auf dem Weg in den Süden an einem Fluss und putzten uns am nächsten Morgen die Zähne mit dessen eiskaltem Wasser. Sobald das Wetter schlechter wurde, ging es weiter – meistens gen Süden, bis die Luft nach Salz und Meer roch. Für mich war das schlicht Normalität, nichts, was ich bewusst als „Reisen“ definierte.
Zwei Jahrzehnte ging das so. Dann kam der Cut.
Den eigenen Kompass ausrichten
Irgendwann war ich zu alt, um weiter mit meinen Eltern zu verreisen. Jetzt ging es darum, meinen eigenen Reisestil zu finden. Leider brachten die Zwanziger allerdings das was dem Fernweh im Weg steht: Ausbildung, Studium, zu wenig Geld und Partner, die nicht meine Liebe fürs Reisen teilten.
Und doch gab es Reise Lichtblicke – auch wenn nicht jeder gleich der richtige war. Ein einziger All-inclusive-Urlaub mit meinem damaligen Freund reichte, um zu wissen: Das ist nicht meins. Zu viel Essen, zu wenig Abenteuer.
Mit Mitte 20 flog ich zum ersten Mal allein – ich hatte meine erste Gruppenreise gebucht und war gespannt, was mich beim Inselhüpfen auf den Kykladen erwartete. Es war neu für mich, mit fremden Menschen gemeinsam zu reisen, aber ich musste mich um nichts kümmern, die Planung übernahm jemand anderes. Erst auf späteren Gruppenreisen wurde mir klar, wie gut ich es mit dieser Gruppe getroffen hatte – denn was ich irgendwann lernte: Die Stimmung einer Reise steht und fällt mit der Gruppe.
Trotzdem blieb das Reisen die Ausnahme, nicht die Regel. Unsere Prüfungsphasen passten nie zusammen, sodass die Reisepläne mit meinem neuen Freund kaum eine Chance hatten. Einmal schwänzten wir kurzerhand die ersten Vorlesungen des Semesters und gönnten uns stattdessen eine Woche Mallorca.
Die große weite Welt
Zu meinem 30. Geburtstag erfüllte sich ein lang gehegter Traum: der erste Trip jenseits von Europa, mit dem Rucksack. Zusammen mit meinem Freund und gemeinsamen Freunden ging es nach Thailand. Bis auf den Flug, eine grobe Route und die letzte Hotelübernachtung war nichts organisiert. Es war ein Kontrastprogramm und Kulturschock in jeglicher Hinsicht. Das heißfeuchte Klima erschlug einen sofort beim Verlassen des Flughafens, das ungewohnte scharfe Essen heizte noch zusätzlich ein, Reis mit Curry gab es schon zum Frühstück. Einfache Unterkünfte mit Gastauftritten von verschiedenen Kleintieren waren an der Tagesordnung, Haut, die immer entweder mit Sonnenschutzmittel oder Moskitospray bedeckt war, 30 Grad warmes Meer, das nicht mal im geringsten eine Abkühlung verschaffte.
Auf der anderen Seite offenbarte das Land des Lächelns aber auch viel Schönes: prachtvolle Tempel und Einblicke in den Buddhismus, paradiesische Inseln mit einer Vielfalt von Meerestieren, wie ich sie vorher noch nie gesehen hatte, abenteuerliche Fortbewegungsmittel, die der TÜV hier niemals genehmigen würde. Händler, die ihre Waren auf kleinen Booten bei den schwimmenden Märkten anboten, morgendliche Rituale der Mönche, leuchtende Bäume im blinkenden Rhythmus der Glühwürmchen. Einen Teil der Zeit durften wir mit befreundeten Einheimischen verbringen und konnten dadurch tiefer in die Kultur und die Bräuche des Landes eintauchen.
Dieses Abenteuer veränderte mit einem Schlag meine Art, unterwegs zu sein. Von da an reiste ich häufiger, abenteuerlustiger und ich überließ nicht mehr anderen die Planung meiner Route. Es folgten die Ostküste Australiens mit dem Camper, von Brisbane bis Cairns, und die Stätten der alten Maya tief im mexikanischen Dschungel. Mit jedem neuen Ziel entwickelte ich eine wachsende Anziehung für exotischere und fernere Orte, vorwiegend in Asien. Trotzdem hatten all diese Unternehmungen dasselbe Prinzip gemeinsam: Ich bewegte mich noch immer nicht in meinem eigenen Rhythmus, sondern richtete mich nach anderen und plante alles von Anfang bis Ende durch.
Das Sabbatical, das alles veränderte
Mit 38 war ich es leid Kompromisse einzugehen, andere von meinen Reiseplänen zu überzeugen und immer nur wenige Wochen im Jahr Zeit zum Reisen zur Verfügung zu haben. Ich wollte mich einmal ohne Zeitdruck und unter meinen Bedingungen durch die Welt bewegen.
Ich vereinbarte mit meinem Arbeitgeber ein Sabbatical, untervermietete meine Wohnung und brach im September 2019 zu meiner siebenmonatigen Reise durch Asien und Ozeanien auf. Ich reiste überwiegend allein. Ohne konkrete Route, ohne Gruppe als Puffer gegen die Einsamkeit, ohne jemanden, der mich unterstützte. Insgesamt 6 Wochen hatte ich Begleitung von Freunden oder meinem Freund, aber sonst war ich auf mich allein gestellt. Was folgte, war mehr als eine Reise.
Ich entdeckte viele Länder, schloss neue Freundschaften, lernte aber vor allem viel über mich und meine Fähigkeiten. Gerade zu Beginn reiste ich durch Länder wie Usbekistan und China, in denen ich mich sprachlich kaum verständigen konnte. Gestik, Mimik und eine Übersetzungs-App waren meine Art der Kommunikation. Zunächst war es ungewohnt und ein komisches Gefühl allein an einem Tisch im Restaurant zu sitzen, doch mit der Zeit genoss ich es und es wurde meine neue Normalität. Ich war nur allein, wenn ich es wollte. Wenn ich Gesellschaft suchte, fand sich immer ein Gesprächspartner. Es war viel einfacher, Kontakte zu knüpfen oder ein Gespräch anzufangen, wenn man allein unterwegs war. Dennoch fühlte ich mich gerade in den ersten beiden Monaten isoliert, und generell jedes Mal, wenn mich ein Reisebegleiter verließ, fiel ich in ein kleines seelisches Tief.
Nach ein paar Tagen und neuen Eindrücken verging das aber wieder. In Neuseeland konnte ich mich wieder leichter verständigen und war mit dem Camper auch viel mobiler und spontaner. Gerade meine Familie hatte mit meiner neuen spontanen Art so ihre Schwierigkeiten. War ich davor doch auf meinen Reisen immer gut durchorganisiert, so schockierte ich sie mit der Tatsache, dass ich Entscheidungen von Tag zu Tag aufs Neue traf. Das war tatsächlich auch eine neue Fähigkeit, die ich erlernte: flexibler und anpassungsfähiger sein. Nicht alles bis ins kleinste Detail durchplanen, sondern spontan reagieren. Mein Tempo drosseln. Und wenn etwas nicht klappte wie gedacht, gab es am nächsten Tag eine neue Möglichkeit.
Auch meine Kamera half mir, die Dinge genauer zu betrachten und dadurch meine Reise zu entschleunigen. Ich konnte mich treiben lassen, da ich auf niemanden Rücksicht nehmen musste. Dabei entstanden einige meiner schönsten Bilder. Die Fotografie lehrte mich, das zu bemerken, woran andere vorbeieilen. Die Morgenstunden, wenn die Welt noch schlief und die Stille allgegenwärtig war, wurden zu meiner liebsten Tageszeit.
Auf eine andere Art der Entschleunigung hätte ich allerdings verzichten können. In Vietnam wurde ich krank und musste feststellen, wie hilflos man doch ist ohne die Fürsorge anderer. Ich konnte nicht einfach im Bett liegen bleiben, sondern musste mich selbst mit Essen versorgen. Es wurde sogar so schlimm, dass ich ernsthaft in Erwägung zog die Reise abzubrechen. Es war auch das erste Mal, dass ich Heimweh hatte. In dem Ort gab es zwar ein Krankenhaus, aber selbst die Ärzte konnten dort kaum Englisch. Sobald sich mein Zustand etwas besserte, flog ich in die Hauptstadt, da hier die medizinische Versorgung umfassender war und sich die deutsche Botschaft vor Ort befand. Das war im Februar 2020.
Ich erholte mich, körperlich wie mental, und konnte die Reise fortführen. Zwei Highlights warteten noch auf mich: die Tempelanlagen von Angkor Wat und Myanmar. Gerade Myanmar faszinierte mich mit seiner Ursprünglichkeit – ein Land, das vom Massentourismus noch kaum berührt war.
Rückblickend betrachtet hatte jedes Land seinen Charme und Reiz, sei es das facettenreiche Essen, die atemberaubenden Landschaften, die geschichtsträchtigen Stätten, die unvoreingenommene Gastfreundlichkeit der Einheimischen. Letztendlich zogen mich die Länder am meisten in ihren Bann, die sich von unserer Kultur am stärksten abgrenzten.
Die Welt steht still
Voller neuer Eindrücke und mit einem lieb gewonnenen Freiheitsdrang kehrte ich wie geplant Mitte März nach Hause zurück. Drei Tage vor dem Lockdown. Die weltweite Lage hatte sich bereits zwei Wochen davor zugespitzt. Ich fand den Stillstand, den ich mir nie gewünscht hatte: die Pandemie. Monatelang blieb jeder ferne Ort unerreichbar – Reisen nur noch eine Erinnerung. Die Welt war nicht mehr dieselbe und aus unendlicher Freiheit wurde ein Gefängnis in den eigenen vier Wänden. Was mir blieb, waren die Bilder und die vielen Eindrücke von meiner Reise.
Die erste Gelegenheit, aus meinem persönlichen Käfig auszubrechen, bot sich nach über einem Jahr. Zu meinem 40. Geburtstag im Juli flog ich nach Dubrovnik. Ich hatte mein Ziel gut gewählt, es sollte ein Ort sein, der sonst von Massen überschwemmt wird, nun aber vom weltweiten Stillstand profitierte. Ich erlebte die Stadt wie sie viele andere jahrelang nicht erleben konnten. Leer, ruhig, authentisch. Ich verstand, dass stille Zeitfenster nicht lange offen stehen und nutzte meine Chance. Diese Tage in Dubrovnik machten mir unmissverständlich klar: Reisen ist nicht verhandelbar, es ist die Art, wie ich mich selbst und die Welt verstehe.
Über die Grenzen Europas hinaus ging es für mich wieder im September – zurück in ein vertrautes Land, das mich seit meinem ersten Besuch während des Sabbaticals nicht wieder losgelassen hatte: Usbekistan. Diesmal begleitete mich ein Freund aus Bukhara, den ich 2019 kennengelernt hatte. Er zeigte mir seine Heimat, wie ein Einheimischer sie nur einem Fremden zeigen kann: abseits der etablierten Routen, durch seine Verbindungen und sein Wissen. Es lehrte mich etwas Entscheidendes: Reisen bedeutet nicht, ein Tourist an einem Ort zu sein. Es geht darum, zurückzukehren, Beziehungen aufzubauen, die über Jahre und Grenzen hinweg andauern. Es geht darum, ein Land durch die Augen von jemandem zu sehen, der es sein Zuhause nennt.
Balance zwischen Planen und Loslassen
Eine Thematik, die mich seit meiner 7-monatigen Reise immer wieder beschäftigt, ist mehr loszulassen – eine Erkenntnis, die untrennbar mit Slow Travel verbunden ist: Erst die Zeit macht das Loslassen überhaupt möglich. Dabei geht es mir nicht darum, gar nicht mehr zu planen – die meisten meiner Reisen organisiere ich nach wie vor selbst. Nicht, weil ich ein Kontrollfreak bin, sondern weil es mir Handlungsfähigkeit gibt. Ich entscheide, was ich sehe, wie lange ich verweile und welche Umwege ich nehme. Auf meiner Reise durch Asien und Ozeanien lernte ich noch etwas anderes: wie man ohne Plan reist. Wenn man Monate statt Wochen hat, kann man es sich leisten, von Tag zu Tag neu zu entscheiden und nicht alles bis ins kleinste Detail zu planen. Auch auf kürzeren Trips lasse ich nun immer mehr Raum für spontane Entscheidungen. Im Oman übernachtete ich zweimal im Auto, weil mich der jeweilige Ort so verzauberte und es sich in dem Moment richtig angefühlt hatte, die Nacht dort zu verbringen. In Taiwan entschied ich spontan, eine Nacht länger bei einem Teebauern zu bleiben, weil mir die Herzlichkeit meines Gastgebers und die Ruhe der Berge so gut taten.
Mit der Zeit habe ich gelernt, beides zu verbinden: Planung und Loslassen. Kurze Reisen brauchen immer noch Struktur, besonders in der Hochsaison, wenn Unterkünfte früh ausgebucht sind. Bei längeren Reisen plane ich nur noch eine grobe Route und den Rest entscheide ich vor Ort nach äußeren Gegebenheiten, Lust und Laune spontan. Meine Reisebegleiter sehen nun immer häufiger auch meine Seite als Entdeckerin, neben der Planerin und Organisatorin.
Loslassen bedeutet für mich nicht nur, weniger zu planen – auch meine Solo-Reisen haben seit 2020 zugenommen. Ich verreise zwar nach wie vor mit Freunden und Familie, aber ich weiß es immer wieder zu schätzen, ein Land allein zu erkunden und nur die Wege zu gehen bzw. Dinge zu sehen, die ich möchte. Es gibt mir einen inneren Frieden, den ich bei gemeinsamen Reisen nicht genauso erlebe.
Mehr als eine Zahl
Insgesamt habe ich inzwischen 43 Länder besucht, die meisten davon in Asien und Europa – zwei Kontinente, die mich bis heute am meisten prägen. In Zukunft werden sicherlich weitere Ziele dazukommen. Lange Zeit war diese Zahl für mich wie eine Art Trophäe. Am Ende geht es jedoch nicht um die Summe dessen, wie viele Länder ich bereisen werden, sondern um das, was ich auf dem Weg mitnehme: Erfahrungen, Erkenntnisse, neue Lebensweisen. Darum, wie ich daran wachse und die Welt – und mich selbst – mit jedem Ort ein Stück besser verstehe.
Was die Zukunft bringt
Ein Traum, der sich über die letzten Jahre manifestiert hat und mich ein Stück zu meinem Ursprung zurückbringt, ist es, mit einem Camper um die Welt zu ziehen. Im letzten Jahr habe ich einen Mann kennen- und lieben gelernt, mit dem dieser Traum wahr werden könnte. Er folgt genau wie ich nicht dem konventionellen Weg, auch wenn seine Gründe dafür andere sind. Was uns verbindet, ist der gleiche Entdeckerdrang, der Wunsch nach einem Leben jenseits von Eigenheim, Karriereleiter und Kindern.
Zusammen planen wir das nächste Kapitel: ein Allrad-Fahrzeug, mehrere Jahre reisen, über mehrere Kontinente hinweg, in einem langsameren Tempo als je zuvor. Nicht hetzen. Nicht sammeln. Im hier und jetzt leben. Einfach verstehen und so viel von der Welt wie möglich sehen – aber auf unsere Art.
Roads Beyond Ordinary ist eine Ode an das langsame und bewusste Reisen, an Slow Travel im eigentlichen Sinne, und erzählt, wie ich die Welt sehe und verstehe. Es geht weniger um das Ziel als um den Weg, es geht um Momente, die mehr als ein Post auf Instagram sind, es geht um Begegnungen, die einen still verändern, um Orte, die es Wert sind, geschützt zu werden. Es geht um Morgenspaziergänge durch leere Gassen, um Abenteuer, um echte Freundschaften über Grenzen hinweg, darum, dass nicht immer alles glatt läuft und dass man das Leben so nimmt wie es kommt.
Hier leben diese Geschichten und Momente – und vielleicht inspirieren sie dich, deinen eigenen Weg des Reisens zu finden.



